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Ein Ziel der taoistischen Meditation war, ein "Hsien" oder
"Unsterblicher" zu werden. Unsterblichkeit bedeutet jedoch
nicht die ewige Dauer der physischen Existenz, sondern meint
eine Stufe spiritueller Bewußtheit, auf der das "Selbst" und
das "Nicht-Selbst" nicht mehr voneinander geschieden sind.
Natürliche Gesundheit ist erreicht, wenn im menschlichen
Organismus die gleiche Harmonie im Spiel der polaren
Kräfte Yin und Yang erreicht ist, wie sie im Universum
herrscht.
Gelingt es einem Menschen, zu erkennen, daß er ein
Mikrokosmos im Makrokosmos ist, hat er also die
Integration seines Selbst mit dem Universum bewußt
vollzogen, dann hat er Besitz ergriffen von seinem
"wahren und ursprünglichen Körper - der Welt und "Unsterblichkeit"
erlangt.
Die Unsterblichkeit bezieht sich nicht auf den Sieg über
den Tod, sondern auf die Verlagerung in der Wahrnehmung
der eigenen Identität - vom Ich zum Universum.
Dies geschieht durch die klare, vollständige Wahrnehmung
der grundlegenden Einheit des Prinzips von Yin und Yang,
denn diese umfaßt die gleiche Einheit zwischen dem Selbst
und dem Nicht-Selbst, der Welt innerhalb der Haut und
der Welt außerhalb.
Um Tao zu erlangen, haben die Taoisten verschiedene Methoden
entwickelt. Eine davon ist taoistische Meditation, eine Art
"innere Alchemie".
Meditation und richtiges Atmen (nei kung) sollen zusammenwirken,
um aus der biologischen Energie des Körpers und der geheimen
Kraft des Universums ein "inneres Elixier" entstehen zu lassen.
Wie in einem alchimistischen Prozeß soll eine Essenz in die
andere geläutert werden - Ching (biologische Energie) in Chi
und Chi in Shen (spirituelle Bewußtheit),
- damit ein Elixier entsteht, das den menschlichen Geist in
den Zustand der "Leere" (Shu) überführt, in welchem das
Ich mit dem kosmischen Bewußtsein verschmilzt.
In einigen Punkten entspricht Tai Chi Chuan der
taoistischen Meditation :
Der Rumpf wird fast ständig so in sich ruhend getragen,
als würde er, wie in der Meditation, stillsitzen;
Meditation und Atmung wirken zusammen, um die "eigentliche,
innere Energie" zu entwickeln.
Im Unterschied zur taoistischen Meditation ist Tai Chi
aber dynamische Meditation, d. h. es hat Bewegungen
entwickelt, die die Entstehung der inneren Energie
unterstützen.
Das Ziel beider ist die gleiche, und Tai Chi als Meditation
zu üben heißt, sich schrittweise dem Ziel der Erkenntnis nähern.
Einheit setzt jedoch Trennung voraus.
Nur jemand, der getrennt von einem anderem ich ist,
kann Einheit erfahren.
Mit anderen Worten, um zu erkennen, daß Selbst und
Nicht-Selbst eine Einheit sind, ist es notwendig,
deren Getrenntheit in aller Klarheit wahrzunehmen.
Hier liegt das methodisch Besondere von Tai Chi als Meditation.
Erst muß das Erwachen zu sich selbst
("Das bin ich, mit meinem Körper, in meiner Haut") vollzogen
werden, damit das Erwachen zur Einheit von selbst und
Nicht-Selbst geschehen kann.
"Siehst du jeden um dich herum? Siehst du die Stühle,
siehst du den Boden, siehst du die Person neben dir?
Halte auch die Ohren offen.
Hörst du das Scharren der Füße?
Hörst du die Gespräche nebenan? Hörst du deinen eigenen
Atem und den der Person neben dir ?
Halte diese Wachsamkeit rundum lebendig, ohne dein
Zentrum zu verlieren.
Das ist Tai-Chi-Meditation.
Nach genügend langer Übung wirst du die Form der
Soloübung so gründlich meistern, daß du den Rhythmus der
Bewegung, sogar dich selbst vergißt, obwohl du sie wie
sonst auch ausführst.
In diesem Stadium bist du in Trance, deine fünf
Eigenschaften (Form, Wahrnehmung, Bewußtsein, Handeln,
und Wissen) sind alle l e e r -
das ist Meditation im Tun und Tun in der Meditation.
Wenn du zum Schluß der Soloübung kommst, bist du
plötzlich wieder da.
- Wo bin ich? Was habe ich getan? Ich weiß es nicht,
und ich erinnere mich nicht.
Das ist völlige Entspannung von Körper und Geist für 30 Minuten.
30 Minuten lang war ich in einer anderen Welt (im Paradies).
Es war eine vollkommene Welt, friedlich und still.
Nach der völligen Entspannung von Körper und Geist für
30 Minuten kehre ich in diese Welt zurück.
Die beiden Stufen des "Erwachens"(sich selbst) erkennen und
(sich selbst) vergessen, Arbeit leisten, etwas tun
(Tai Chi erlernen- üben), und etwas geschehen lassen
(sich Tai Chi hingeben). Diese Polarität von Erkennen und
Vergessen unterscheidet Tai Chi von anderen statischen
Methoden, welche in die Irre führen können.
Wenn die Arbeit an einer bestimmten Struktur nicht so fordernd,
diszipliniert und stetig erfolgt könnte es dazu verleiten,
den Zustand des Einseins mit der Welt im Absinken in die
Unbewußtheit zu suchen. Das ist der Weg der schlechten
Innerlichkeit, die vor der schmerzhaften Erfahrung der
Trennung von ich und Welt sich zurückzieht in einen dunklen
Bereich der Ungeschiedenheit, der für Harmonie gehalten wird.
Die Soloübungen erlernen heißt, seinen Leib in eine Form
bringen, de ihn verändert und neu strukturiert und den
Übenden insofern zur Erkenntnis seiner selbst als einzelnen,
der von anderen unterscheiden ist:
"Das bin ich, so hängt mein Körper zusammen, so bewege ich
mich - und so stehe ich dazu."
In diesem Sinn ist Tai Chi auch eine analytische Therapie,
die, über die Arbeit am Leib, dazu beitragen kann, die
Identität (neu) zu strukturieren. Diese analytische Arbeit
an sich selbst vollzieht sich behutsam, denn der Vorgang der
Zerstörung der alten Form ist nicht getrennt vom Gewinnen
der neuen, als sanfter, fließender, aber beharrlicher und
unaufhaltsamer Prozeß der Wandlung.
Ist die Tai Chi Form dann zur eigenen Form geworden,
dann kann der Vorgang des Sich-Vergessens den des
Lernens und Differenzierens allmählich ablösen.
Denn die Form, die man sich angeeignet hat, ist nicht das
Ergebnis einer zufälligen schöpferischen Leistung, die ihre
Grenzen hat in der Individualität dessen, der sie erbrachte,
sondern ist entwickelt von Menschen, die die Ungeschiedenheit
von Selbst und Nicht-Selbst erfahren haben, und trägt in sich
die Weisheit der Erfahrung.
Die Tai Chi -Bewegungen sind nicht ich-haft und beschränkt,
sondern ich-los und unbeschränkt, nicht subjektiv, sondern
objektiv. Deswegen ist es möglich, sich ihnen anzuvertrauen und
sich selbst vergessen, weil man sich wiederfinden kann als ein
Teil der Welt, in dessen Inneren die gleichen Gesetze herrschen,
wie außerhalb.
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